Johanniskraut bei PMS: Kann die Heilpflanze Beschwerden lindern?

8 Min. Lesezeit

Johanniskraut gilt als die bekannteste pflanzliche Alternative zu klassischen Antidepressiva, gerade bei leichten depressiven Verstimmungen. Kein Wunder also, dass sich viele fragen, ob die gelb blühende Heilpflanze auch bei den Stimmungstiefs, der Reizbarkeit oder der inneren Unruhe vor der Periode helfen kann. Die Antwort ist differenzierter, als es viele Ratgeber im Internet vermuten lassen: Johanniskraut bei PMS wirkt, aber nicht bei jedem Symptom gleich gut. Im Folgenden schauen wir uns an, was Studien zur Wirksamkeit tatsächlich zeigen, wie die Pflanze angewendet wird und warum sie ausgerechnet mit der Antibabypille in Konflikt geraten kann.

Kann Johanniskraut bei PMS helfen?

Johanniskraut ist seit Jahrzehnten als pflanzliches Arzneimittel bei leichten bis mittelschweren Depressionen anerkannt und gut erforscht. Ob sich diese Wirkung eins zu eins auf PMS übertragen lässt, ist eine andere Frage, die eigene Studien beantworten müssen.

Bei welchen Beschwerden Johanniskraut eingesetzt wird

Traditionell wird Johanniskraut bei PMS vor allem dann eingesetzt, wenn Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit oder ein diffuses Gefühlschaos in der zweiten Zyklushälfte im Vordergrund stehen. Die Heilpflanze wirkt, indem sie Botenstoffe im Gehirn wie Serotonin und Dopamin beeinflusst, die maßgeblich an der Steuerung von Stimmung beteiligt sind. Genau diese Botenstoffe schwanken auch im natürlichen Menstruationszyklus, was einen möglichen Ansatzpunkt für die Anwendung bei PMS erklärt.

Was Studien zur Wirksamkeit zeigen

Zur Wirksamkeit von Johanniskraut speziell bei PMS gibt es bislang nur wenige Studien. Eine ältere, offen durchgeführte Pilotstudie ohne Placebo-Kontrolle deutete auf eine allgemeine Besserung der Beschwerden hin, lässt aber wegen des fehlenden Vergleichs keine sicheren Rückschlüsse zu. Aussagekräftiger ist eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie mit 36 Frauen mit diagnostiziertem PMS. Das Ergebnis ist differenzierter, als man erwarten würde: Johanniskraut zeigte sich gegenüber Placebo bei körperlichen Beschwerden wie Heißhunger und Wassereinlagerungen sowie bei sogenannten Verhaltenssymptomen wie Schlafproblemen, Konzentrationsschwierigkeiten, Kopfschmerzen und Erschöpfung statistisch überlegen. Bei den eigentlichen Stimmungssymptomen wie Ängstlichkeit, Reizbarkeit, depressiver Verstimmung oder Stimmungsschwankungen fand sich dagegen kein signifikanter Unterschied zu Placebo. Das ist bemerkenswert, denn gerade wegen der Stimmung greifen viele überhaupt erst zu Johanniskraut. Weitere, größer angelegte Studien wären nötig, um zu klären, ob eine längere Einnahme auch bei den Stimmungssymptomen einen Unterschied macht.

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Johanniskraut bei Stimmungsschwankungen und depressiven Verstimmungen

Trotz dieser differenzierten Studienlage speziell für PMS gilt Johanniskraut allgemein als gut untersuchtes pflanzliches Mittel gegen leichte bis mittelschwere depressive Verstimmungen, unabhängig vom Zyklus. Viele nutzen die Pflanze deshalb gerade wegen dieser breiteren Evidenz.

Wann Johanniskraut infrage kommen kann

Bei leichten, vereinzelten Stimmungstiefs vor der Periode, die den Alltag nicht stark einschränken, kann Johanniskraut eine Option sein. Für die Behandlung allgemeiner leichter bis mittelschwerer Depressionen ist die Pflanze in zahlreichen Studien untersucht worden und zeigt dort eine Wirksamkeit, die der von Standard-Antidepressiva teilweise ähnlich ist. Diese allgemeine antidepressive Wirkung ist der Grund, warum Johanniskraut trotz der dünnen PMS-spezifischen Evidenz bei Stimmungsbeschwerden rund um die Periode ausprobiert wird. Ob es bei dir wirkt, lässt sich aber nicht vorhersagen, individuelle Unterschiede sind hier groß.

Wann ärztliche Unterstützung wichtig ist

Johanniskraut ist für leichte bis mittelschwere Verstimmungen gedacht, nicht für stark ausgeprägte depressive Symptome. Wenn sich deine Stimmung über mehrere Zyklen hinweg kaum bessert, wenn die Beschwerden deinen Alltag, deine Beziehungen oder deine Arbeit spürbar beeinträchtigen, oder wenn eine prämenstruelle dysphorische Störung im Raum steht, reicht Johanniskraut allein wahrscheinlich nicht aus. Ganz wichtig: Bei Gedanken, dir selbst etwas anzutun, ist Johanniskraut kein geeignetes Mittel, hier brauchst du zeitnah professionelle Unterstützung, zum Beispiel durch deine Hausarztpraxis, eine psychotherapeutische Praxis oder im Akutfall die Notaufnahme. Deine Gefühle sind wichtig und verdienen es, ernst genommen zu werden.

Wie wird Johanniskraut angewendet?

Dosierung und Einnahmedauer

Johanniskraut-Präparate werden meist auf einen bestimmten Gehalt an Hypericin und Hyperforin standardisiert, üblich sind Extrakte mit etwa 0,2 bis 0,3 Prozent Hypericin oder 1 bis 4 Prozent Hyperforin. In der erwähnten PMS-Studie wurden täglich 900 Milligramm eines standardisierten Extrakts eingenommen, aufgeteilt über den Tag. Die genaue Dosierung hängt aber vom jeweiligen Präparat ab und sollte der Packungsbeilage folgen oder ärztlich beziehungsweise in der Apotheke abgestimmt werden. Für eine spürbare Wirkung wird eine kontinuierliche Einnahme über mehrere Wochen empfohlen, ein einzelner Einnahmezeitpunkt kurz vor der erwarteten Periode reicht in der Regel nicht aus.

Wann eine Wirkung zu erwarten ist

Wie bei anderen Antidepressiva setzt die volle Wirkung von Johanniskraut nicht sofort ein. Üblicherweise dauert es zwei bis vier Wochen, bis sich eine Besserung bemerkbar macht. Bleibt eine Wirkung auch nach dieser Zeit aus, ist es sinnvoll, das Präparat oder die Dosierung ärztlich überprüfen zu lassen.

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Welche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen sind möglich?

Nur weil ein Mittel pflanzlich ist, heißt das nicht automatisch, dass es nebenwirkungsfrei ist. Johanniskraut kann sowohl eigene Nebenwirkungen verursachen als auch die Wirkung anderer Medikamente verändern.

Häufige Nebenwirkungen

Am häufigsten kommt es zu Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit oder Durchfall, außerdem zu Müdigkeit, Schwindel und Kopfschmerzen. Charakteristisch für Johanniskraut ist außerdem eine erhöhte Lichtempfindlichkeit der Haut: Wer die Pflanze einnimmt, sollte intensive Sonnenbestrahlung, Solarien oder Höhensonne eher meiden, da es zu sonnenbrandähnlichen Hautreaktionen kommen kann. In seltenen Fällen, vor allem bei Menschen mit einer bipolaren Störung, kann Johanniskraut eine manische Episode auslösen.

Warum Johanniskraut die Wirkung der Pille beeinflussen kann

Der Hauptwirkstoff Hyperforin aktiviert im Körper einen bestimmten Rezeptor, den sogenannten Pregnan-X-Rezeptor. Das führt dazu, dass ein wichtiges Leberenzym namens CYP3A4 sowie ein Transportprotein namens P-Glykoprotein verstärkt gebildet werden. Beide sind daran beteiligt, viele Medikamente im Körper abzubauen und auszuscheiden, auch die Hormone in der Antibabypille. Nimmst du Johanniskraut und die Pille gleichzeitig ein, kann die Pille dadurch schneller abgebaut werden als üblich, wodurch ihr Hormonspiegel im Blut sinkt. Das kann sich durch Zwischenblutungen bemerkbar machen und die Verhütungssicherheit verringern. Dieser Effekt setzt nicht sofort ein, sondern baut sich über ein bis zwei Wochen auf, und er hält nach dem Absetzen von Johanniskraut noch einige Wochen an. Wenn du hormonell verhütest und Johanniskraut einnehmen möchtest, ist deshalb eine zusätzliche Verhütungsmethode und ein Gespräch in der gynäkologischen Praxis sinnvoll.

Weitere wichtige Wechselwirkungen

Johanniskraut sollte nicht zusammen mit anderen Antidepressiva wie SSRI eingenommen werden, da es in Kombination zu einem sogenannten Serotoninsyndrom kommen kann, einer potenziell lebensbedrohlichen Überreaktion des Nervensystems mit Symptomen wie Verwirrtheit, Zittern, Schwitzen und Fieber. Über den gleichen Enzymmechanismus wie bei der Pille kann Johanniskraut außerdem die Wirkung von Immunsuppressiva, bestimmten Blutgerinnungshemmern, manchen Herzmedikamenten und einigen HIV-Medikamenten abschwächen. Auch mit Triptanen, die bei Migräne eingesetzt werden, sind Wechselwirkungen möglich. Wegen dieser Vielzahl an möglichen Wechselwirkungen gilt: Nimmst du regelmäßig andere Medikamente ein, sprich die Einnahme von Johanniskraut vorher unbedingt ärztlich oder in der Apotheke ab.

Für wen ist Johanniskraut nicht geeignet?

Von einer Einnahme wird in der Schwangerschaft und Stillzeit abgeraten, da die Datenlage hierzu nicht ausreicht und ein möglicher Einfluss auf die Gebärmuttermuskulatur diskutiert wird. Menschen mit einer bipolaren Störung sollten wegen des Risikos einer manischen Episode besonders vorsichtig sein und Johanniskraut nur nach ärztlicher Rücksprache einnehmen. Wer bereits andere Antidepressiva einnimmt, sollte Johanniskraut wegen des Serotoninsyndrom-Risikos nicht zusätzlich anwenden. Auch für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren wird von einer Einnahme ohne ärztliche Begleitung abgeraten. Nimmst du regelmäßig andere verschreibungspflichtige Medikamente ein, etwa gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder nach einer Organtransplantation, ist eine Einnahme von Johanniskraut ohne vorheriges ärztliches Gespräch ebenfalls nicht empfehlenswert.

Häufige Fragen zu Johanniskraut bei PMS

Hilft Johanniskraut bei PMS?

Für körperliche Beschwerden und sogenannte Verhaltenssymptome wie Schlafprobleme oder Konzentrationsschwierigkeiten gibt es Hinweise auf eine Wirksamkeit gegenüber Placebo. Für die eigentlichen Stimmungssymptome wie Reizbarkeit oder depressive Verstimmung fand die aussagekräftigste Studie dagegen keinen signifikanten Unterschied zu Placebo.

Kann Johanniskraut depressive Verstimmungen vor der Periode lindern?

Für allgemeine leichte bis mittelschwere Depressionen ist eine stimmungsaufhellende Wirkung gut belegt. Speziell für depressive Verstimmungen im Rahmen von PMS ist die Studienlage aber dünner und bisher nicht eindeutig positiv.

Wie lange dauert es, bis Johanniskraut wirkt?

In der Regel dauert es zwei bis vier Wochen kontinuierlicher Einnahme, bis sich eine Wirkung bemerkbar macht. Eine einmalige Einnahme kurz vor der Periode reicht nicht aus.

Kann Johanniskraut die Pille unwirksam machen?

Ja, das ist möglich. Der Wirkstoff Hyperforin beschleunigt den Abbau der Pillenhormone im Körper, wodurch der Hormonspiegel sinken und die Verhütungssicherheit abnehmen kann. Eine zusätzliche Verhütungsmethode wird deshalb empfohlen.

Welche Nebenwirkungen sind möglich?

Am häufigsten sind Magen-Darm-Beschwerden, Müdigkeit, Schwindel und eine erhöhte Lichtempfindlichkeit der Haut. Seltener kann es, vor allem bei einer bipolaren Störung, zu einer manischen Episode kommen.

Fazit: Johanniskraut kann eine mögliche Unterstützung sein, aber nicht für jede Person

Johanniskraut bei PMS ist also keine einfache Ja-oder-Nein-Geschichte. Für körperliche Beschwerden und Symptome wie Schlafprobleme oder Konzentrationsschwierigkeiten gibt es Hinweise auf eine Wirksamkeit, für die Stimmung selbst ist die Studienlage bislang dünner, als man angesichts der Bekanntheit von Johanniskraut als pflanzlichem Antidepressivum vermuten würde. Pflanzlich bedeutet außerdem nicht automatisch nebenwirkungsfrei: Vor allem die Wechselwirkung mit der Antibabypille und mit anderen Antidepressiva solltest du ernst nehmen. Bei stark ausgeprägten depressiven Symptomen oder Suizidgedanken ist Johanniskraut kein ausreichendes Mittel, hier brauchst du ärztliche oder therapeutische Unterstützung. Ob und wie Johanniskraut für dich eine sinnvolle Ergänzung sein kann, besprichst du am besten in deiner Arztpraxis oder Apotheke.

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er dient deiner Information und Orientierung. Wenn dich deine Beschwerden stark belasten oder du unsicher bist, wende dich an deine Ärztin, deinen Arzt oder deine Apotheke.

  1. „Heilpflanzen bei PMS“ — isi-App
  2. „Johanniskraut: Sanftes Mittel gegen Traurigkeit?“ — vera-App
  3. „Psychische Symptome bei PMS“ — isi-App
  4. Stevinson, C. (2000). A pilot study of Hypericum perforatum for the treatment of premenstrual syndrome. British Journal of Obstetrics and Gynaecology, 107, 870–876.
  5. Canning, S., Waterman, M., Orsi, N., Ayres, J., Simpson, N., Dye, L. (2010). The efficacy of Hypericum perforatum (St John’s wort) for the treatment of premenstrual syndrome: a randomized, double-blind, placebo-controlled trial. CNS Drugs, 24(3), 207–225.
  6. „Böser Bube Johanniskraut“ — Pharmazeutische Zeitung, pharmazeutische-zeitung.de
  7. „HMPC-Monographien: Extrakte aus Johanniskraut“ — Pharmazeutische Zeitung, pharmazeutische-zeitung.de
  8. „Johanniskraut – Anwendung, Wirkung, Nebenwirkungen“ — Gelbe Liste, gelbe-liste.de
  9. „Johanniskraut“ — MSD Manual Profi-Ausgabe, msdmanuals.com
  10. „Johanniskraut“ — MSD Manual Patienten-Ausgabe, msdmanuals.com
  11. „Johanniskraut“ — embryotox.de (Charité Berlin)
  12. „Johanniskraut bei Depression: wahrscheinlich wirksam“ — medizin-transparent.at
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